Jentschke Vorträge

DESY organisiert jährliche Vorträge in englischer Sprache zum Gedenken an Professor Dr. Willibald Jentschke.

Englischsprachige Vortragsreihe zum Gedenken an Professor Dr. Willibald Jentschke, den Gründer und ersten Direktor von DESY in Hamburg. Bis 1970 leitete er das Forschungszentrum und schuf die Grundlage dafür, dass DESY eine herausragende Rolle in der Forschung an Beschleunigern spielt. Sein Wissen, seine Kompetenz, Vision und Persönlichkeit prägen DESY bis heute. Willibald Jentschke starb am 11. März 2002, wenige Monate nach seinem 90sten Geburtstag. Zu seinem Gedenken organisiert DESY seit 2002 jährliche Vorträge.



Lecture 2021
Gefühlte Wahrheiten – Orientierung in postfaktischen Zeiten

Mittwoch, 10. November 2021
17:00 Uhr
DESY-Hörsaal


Prof. Dr. Dr. Ortwin Renn
Wissenschaftlicher Direktor am Institut für Transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam

Ortwin Renn (Foto: IASS, Lotte Ostermann)

Die Vorsilbe post- ist ein typisches Kennzeichen des heutigen Zeitgeistes geworden. Post-modern, -strukturell, -industriell, -ethisch, -demokratisch. Dahinter steht häufig eine Verunsicherung, dass wir eine bestehende Epoche abgeschlossen haben, aber die neue noch nicht charakterisieren können. Besonders kennzeichnend für diese Verunsicherung ist der Begriff „postfaktisch“. Die Grenze zwischen wahren und unwahren Aussagen verschwimmt, und die Funktionseliten, die diese Aufgabe in der Gesellschaft wahrnehmen, verlieren an Vertrauen. Das Wünschbare wird zum Kriterium für Wahrheit: Enttäuschungen sind damit vorprogrammiert. Zwar ist Wissenschaft für Wahrheitsansprüche zuständig, aber dank wachsender Komplexität, Unsicherheit und Ambivalenz sind die Aussagen weniger eindeutig und immer weniger deterministisch in den aufgezeigten kausalen Zusammenhängen. Das schafft Irritationen.
Über 90%, was wir wissen, kommt aus zweiter und dritter Hand. Vertrauen durch Delegation an Experten oder Handlungseliten nimmt ab: daher verfolgen die meisten Menschen zwei Ausweichstrategien: Wunsch nach Nullrisiko (führt zu Strukturkonservativismus) oder vagabundierende Glaubwürdigkeit an unterschiedliche Akteure über die Zeit (Verteilung nach peripheren, mit dem Thema nicht zusammenhängenden Merkmalen). Beides verstärkt Frustration, Verunsicherung, Angst. Dazu kommt, dass die eigenen Urteile und Fehlurteile durch Foren (im Internet) bestätigt werden. Keine korrigierende Instanz ist mehr vorhanden oder zugreifbar. Es entstehen Echoräume. Das wichtige Erlebnis der kognitiven Dissonanz bleibt aus.
In diesem Klima wächst die Attraktivität eines autoritären Populismus. Dies ergibt sich aus den Folgen der post-faktischen Verunsicherung. Darunter sind vor all folgende zu nennen:

a. Gründe für Krisen und Probleme sind simpel (Verleugnung der Komplexität); Erklärungen sind anschlussfähig an Plausibilität: Die wissenschaftlichen Erklärungen sind nicht plausibel und „weit hergeholt“
b. Wenn Wahrheit beliebig wird, kann man das Wahrheitsangebot auswählen, das man sich wünscht. Aber die erlebte Wirklichkeit ist anders. Das riecht dann in der Lesart der Populisten nach einer geheimen Verschwörung.
c. Populisten behaupten, dass Vielfalt und Diversität unsere Leistungsfähigkeit und wirtschaftliche Stärke schwächen. Das Gegenteil ist der Fall: Komplexitätsforscher zeigen: Vielfalt verbessert Ergebnisse und Qualität in der Regel.
d. Populisten schüren Zukunftsängste und Untergangsprophezeiungen: Traue keinem der etablierten Parteien und Institutionen (alle gekauft und unglaubwürdig): Aber: unsere demokratische Ordnung hat Wohlstand, innere Sicherheit, wirtschaftliche Entfaltung und kulturelle Vielfalt geschaffen wie noch in keiner Epoche zuvor.
e. Populisten glorifizieren die Vergangenheit: Die Rezepte der Vergangenheit, die sich bewährt haben, bewähren sich auch heute. Das stimmt so nicht: Die Bedingungen ändern sich permanent, vor 50 Jahren machte es noch Sinn, in einheimische Kohle zu investieren, heute nicht mehr.
f. Populisten behaupten, dass richtige Volksführer wissen, was das Volk will, der gesunde Menschenverstand setze sich durch. Aber: das Volk gibt es nicht, sondern nur viele Menschen, die sehr unterschiedliche Präferenzen und Lebensstile aufweisen.

Je mehr aber Menschen persönlich erleben, wie Vielfalt und Austausch von Argumenten und eigenen Erfahrungen die Entscheidungen verbessern, desto weniger Anklang werden Populisten in der Gesellschaft finden.

Die Jentschke Lecture bildet den Höhepunkt des DESY Science Day. Auf diesem Fest heißt DESY seine neuen Leitenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler willkommen, präsentiert wissenschaftliche Highlights und vergibt den Promotionspreis des Vereins der Freunde und Förderer des DESY (VFFD).