DESY News: „Wir bewegen uns gemeinsam vorwärts, als Land, als Forschende.“

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04.03.2026
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„Wir bewegen uns gemeinsam vorwärts, als Land, als Forschende.“

Fragen und Antworten von Martin Keller, Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft, bei seinem Besuch bei DESY

„Wenn man ausschließlich die fundamentalen Fragen bearbeitet, entsteht faszinierende Forschung. Vielleicht veröffentlicht man sogar in Nature oder Science – das ist alles großartig. Aber das allein reicht nicht. Wir müssen auch fragen, wie wir das Leben der Menschen tatsächlich verbessern können.“ Das ist einer von vielen zentralen Punkten, die der Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft, Martin Keller, bei seinem ersten offiziellen Besuch am DESY ansprach. Seit Herbst 2025 neu in dieser Position und zuvor in einer Leitungsfunktion an einem nationalen Labor in den USA tätig, besichtigte Keller die Anlage in Hamburg und erkannte zahlreiche Parallelen zu dem, was er als zukünftige Ausrichtung der gesamten bundesweiten Forschungsgemeinschaft sieht – der größten Wissenschaftsorganisation Deutschlands. Hier einige seiner Beobachtungen und Antworten auf unsere Fragen.

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Martin Keller auf seinen Tour bei DESY. (Bild: Marta Meyer / DESY)
Herr Keller, Sie haben heute wirklich die große Tour über den DESY-Campus in Hamburg gedreht: sieben Stunden voller Besuche, Begegnungen und Präsentationen, teils im 20-Minuten-Takt. Was waren Ihre persönlichen Highlights? Und was hat Sie überrascht?

Ich bin ja ursprünglich Mikrobiologe. Vieles von dem, was ich heute gelernt habe, war wirklich neu für mich – und manchmal vielleicht sogar ein bisschen über meinen eigenen Horizont hinaus. Aber was ich von hier mitnehme, ist: Die Menschen stehen an erster Stelle. Ich war beeindruckt von der Begeisterung, mit der überall gearbeitet wird. Ihre Augen haben geleuchtet, wenn sie über ihre Instrumente und ihre Forschungsfragen gesprochen haben – ganz gleich, wo wir waren. Es sind die Menschen und ihre Leidenschaft, die dieses Zentrum prägen. Ihre Begeisterung. Sie sind alle hier, weil sie Teil von etwas Größerem sein wollen. Das war für mich ein starker erster Eindruck.

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(Bild: Marta Meyer / DESY)
Der zweite starke Eindruck war die enorme Bandbreite dessen, was Sie hier tun.Die Spannweite reicht von der Ausbildungswerkstatt bis hin zu PETRA IV, einem Hightech-Großprojekt mit internationaler Strahlkraft. Das, was hier gemacht wird, ist Spitzenforschung im besten Sinne – getragen von einem klaren Anspruch auf Exzellenz in ganz unterschiedlichen Disziplinen.

Sie haben etwa drei Jahrzehnte in den Vereinigten Staaten verbracht, zuletzt als Direktor des National Renewable Energy Laboratory. Sie kennen das amerikanische Wissenschaftssystem sehr genau. Was können wir in Deutschland davon lernen?

Was die Amerikaner sehr gut beherrschen, ist ihre Arbeit zu verkaufen. Darin sind sie wirklich stark. Sie verstehen es, ihre Arbeit sichtbar zu machen. Gleichzeitig sehe ich – nicht nur hier bei DESY, sondern auch in vielen anderen Helmholtz-Zentren –, dass wir unsere Leistungen keineswegs verstecken müssen. Wir sollten stolzer auf unsere Wissenschaft in Deutschland sein und selbstbewusster auftreten. Und wir sollten die richtigen Geschichten finden, um in einer fundierten und zugleich faszinierenden Erzählweise zu vermitteln, was wir tun – so, dass es jeder verstehen kann. Da können wir von den USA lernen. Denn inhaltlich machen wir hier sehr vieles richtig.

Und wie sehen Sie uns im Vergleich mit den USA im Bereich der Wissenschaftsorganisation?

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(Bild: Marta Meyer / DESY)
Als ich meinen amerikanischen Kolleginnen und Kollegen sagte, dass ich nach Deutschland ziehe, um diesen Job zu übernehmen, war die Reaktion: „Wow, Helmholtz! Ich wünschte, wir hätten hier auch so etwas.“ Und hier in Deutschland vergessen wir manchmal, dass unsere Strukturen eigentlich schon ziemlich gut sind.

Das wurde mir auch in Brüssel noch einmal deutlich: Wenn eines unserer 18 Zentren dort allein auftreten würde, hätten wir es schwer, ausreichend Gehör zu finden. Aber weil wir eben Helmholtz sind, öffnen sich Türen viel schneller! Es ist für uns leichter, als großer Akteur wahrgenommen zu werden. Das sollten wir strategisch nutzen. Meine Hoffnung ist, dass wir alle ein stärkeres Selbstbewusstsein entwickeln und unsere Forschung wirksamer als Marke positionieren. Gemeinsam finden wir bessere Wege, unsere Geschichten zu „verkaufen“ und können so auf allen Ebenen aktiver öffentlich darüber sprechen.

Wo sehen Sie Helmholtz im Jahr 2026?

Eine Organisation, die sich nicht weiterentwickelt, bewegt sich zwangsläufig rückwärts. Wir müssen uns immer fragen: Wie können wir noch besser werden? Wie können wir wettbewerbsfähiger sein? Und wie kann unsere Forschung, unsere Arbeit, uns als Gesellschaft voranbringen? Wir sitzen alle im selben Boot – wir bewegen uns gemeinsam vorwärts, als Land, als Forschende.

Meine Aufgabe ist es zu integrieren und zu schauen, wie wir uns als Gemeinschaft weiterentwickeln können. Das funktioniert einerseits durch starke einzelne Helmholtz-Zentren – und andererseits aber auch durch neue Ideen. Wir müssen die Synergien stärker nutzen, die zwischen all diesen großartigen Forschenden, ihren Technologien und Infrastrukturen entstehen. Dazu gehört auch, innovative Formen der Zusammenarbeit mit anderen Sektoren besser zu fördern – etwa Public-Private-Partnerships zwischen öffentlicher Forschung und privater Wirtschaft.

Ein großer Schwerpunkt Ihrer Vision von Wissenschaft ist der Blick auf den „Impact“ – also die Wirkung. Sie stellen oft die Frage: „Wie kann Wissenschaft uns als Menschen oder als Gesellschaft voranbringen?“ Bei DESY gibt es viel Forschung mit konkretem Anwendungsbezug, zugleich aber auch exzellente, neugiergetriebene Grundlagenforschung, die fundamentale Fragen stellt. Welche Rolle spielt diese für Sie?

Als ich vor zehn Jahren zum National Renewable Energy Laboratory kam, war meine Aufgabe das Zentrum komplett neu aufzubauen. Das Problem war, dass damals dort alles auf angewandte Forschung ausgerichtet war. Für die Grundlagenforschung interessierte sich das Management ehrlich gesagt nicht. Das haben wir komplett geändert. Natürlich sagten dann einige aus der angewandten Forschung: „Dieser neue Direktor, der kümmert sich nur um Grundlagenforschung.“ Aber man muss eben in beidem exzellent sein.

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(Bild: Marta Meyer / DESY)
Wenn man ausschließlich die fundamentalen Fragen bearbeitet, entsteht faszinierende Forschung. Vielleicht veröffentlicht man sogar in Nature oder Science – das ist alles großartig. Aber das allein reicht nicht. Wir müssen auch fragen, wie wir das Leben der Menschen tatsächlich verbessern können. Aber das funktioniert wiederum nur, wenn man exzellente Grundlagenforschung betreibt. Sie speist die wissenschaftliche Pipeline und macht es erst möglich, dass neue Erkenntnisse später in Anwendungen münden. Es ist wirklich kein „Entweder-oder“, sondern ganz klar ein „Sowohl-als-auch“.

Ihre DESY-Tour heute hat ja Beispiele für beides beinhaltet: sehr grundlegende Experimente und auch sehr praxisnahe Dinge wie Start-up-Labore.

Ja, was ich heute gesehen habe, war eine sehr große Bandbreite. Und Sie tun viel, um Ihre Wissenschaft in Anwendungen zu überführen – vom Inkubator über Ihren Start-up-Accelerator bis hin zum Technologietransfer. Das ist großartig. Aber es ist wichtig, dass Sie weiterhin die Grundlagen durch Basisforschung legen. Wer nur angewandt arbeitet, dem gehen irgendwann die Ideen aus. Wer dagegen nur Grundlagenforschung betreibt, sieht, wie irgendwann andere Ihre Ideen nehmen und daraus großartige Produkte machen. Es ist wirklich gut, dass Sie hier bei DESY beide Seiten im Blick behalten.

Es ist diese Kombination, die unserem eigentlichen Ziel am besten dient: mit unserer Forschung das Leben der Menschen wirklich zum Besseren zu verändern. Denn wir werden alle aus Steuergeldern finanziert. Es sind die ganz normalen Leute, die unsere Gehälter bezahlen. Und ich denke, wir haben auch eine Verpflichtung, ihnen zu erklären, warum sie einen Teil ihres Einkommens – ihrer Steuern – dafür einsetzen sollten, dass wir Wissenschaft betreiben. Das dürfen wir nicht vergessen. Wir sollten darüber nachdenken, wie wir das Leben in Deutschland und in Europa verbessern können.

Und damit sind wir wieder bei Ihrem Ausgangspunkt: der Kunst, das, was wir tun, zu „verkaufen“. Alles in gute Geschichten zu verpacken, mit denen sich Menschen identifizieren können.

Ich glaube, wir können noch besser darin werden, unsere Geschichten zu erzählen. Dafür müssen wir manchmal bewusst unsere Perspektive wechseln. Am National Renewable Energy Laboratory habe ich mich jedes Mal mit dem Team getroffen, wenn wir eine besonders einflussreiche Publikation hatten. Und ich habe darauf bestanden, auch mit Studierenden und Postdocs allein zu sprechen – ohne ihre Vorgesetzten. Denn in diesem frühen Stadium ihrer Karriere haben sie noch keinen politischen Filter. Sie sagen mir viel eher, was sie wirklich denken – auch Dinge, die sie ihrer direkten Leitung vielleicht nicht sagen würden.

Ich wollte das Team aber auch inspirieren, ihre eigene Forschung aus einem Blickwinkel zu betrachten, der für vielen etablierte Forschende ungewöhnlich scheint. Ich habe sie gefragt: „Erklären Sie mir mal, warum Ihre Nature-Publikation das Leben Ihrer Großmutter verbessert.“ Dieselbe Frage habe ich heute auf der Tour auch einigen DESY-Forschenden gestellt. Und Sie würden nicht glauben, wie schwer es unseren Leuten fällt, diese Frage in einer Sprache zu beantworten, die alle verstehen können. Das ist nicht ihre Schuld – so werden wir als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einfach nicht ausgebildet. Oft bewegen wir uns in unserer eigenen Blase. Materialwissenschaftler sprechen nur mit Materialwissenschaftlern. Klimaforschende nur mit Klimaforschenden. Oft schaffen wir es nicht einmal, disziplinübergreifend miteinander zu diskutieren – geschweige denn mit Menschen auf der Straße zu sprechen.

Ich denke, darin müssen wir besser werden. Denn wenn es uns nicht gelingt, den Geist und den Glauben an die Wissenschaft in diesem Land hochzuhalten, könnten wir möglicherweise denselben Weg einschlagen, den wir derzeit in den USA beobachten: Dort nimmt die Wertschätzung für fundierte Wissenschaft und ihren gesellschaftlichen Nutzen sehr schnell ab. Und das dürfen wir nicht zulassen.