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01.07.2020
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„Wenn ich Gammastrahlung sehe,
hat die für mich automatisch auch einen Sound“

Der Multimediakünstler Carsten Nicolai, der für seine Musik das Pseudonym Alva Noto benutzt, hat für die jüngste Animation zur DESY-Astroteilchenphysik exklusiv den Soundtrack komponiert

Akustische Signale fürs All: Es klirrt und klingt, knistert und kratzt, dröhnt und rauscht und zischt. Mächtig, mystisch, verstörend schön! Der international gefragte Künstler und Musiker Carsten Nicolai aka Alva Noto macht das Universum hörbar. Für die DESY-Animation „Eta Carinae im Licht kosmischer Gammastrahlung“, die das preisgekrönte Kieler Science Communication Lab erstellt hat, transformierte er gewaltige Energien in reduziert ästhetische Klänge. Hier spricht das Sound-Genie über akustische Assoziationen und die Parallelen zwischen Kunst und Forschung.

Was hat Dich daran gereizt, diese wissenschaftliche Animation hörbar zu machen?

Seit meiner Kindheit bin ich ein großer Fan von Radioteleskopen und wissenschaftlicher Forschung. Ich habe eine große Sammlung von Sternenkarten und Büchern über Sterne. Das interessiert mich sehr! Vielleicht hat es damit zu tun, dass wir in der Schule das Fach Astronomie hatten. Das war super! Ich wollte jetzt zwar nicht gleich Astronaut oder Kosmonaut werden – aber das Interesse ist bis heute geblieben.

Hattest Du beim Sound freie Hand?

Ja. Ich wollte nur wissen: Was passiert da genau auf dem Video, was ist da zu sehen? Dann habe ich mich zum Verständnis in das Thema eingelesen. Es ist schon eine absurde Situation: Da draußen gibt es ja eigentlich gar keinen Sound. Jetzt muss man den dazu erfinden. Also habe ich einfach so getan, als ob es dort Sound gäbe (lacht).

Wie nimmst Du denn so eine wissenschaftliche Animation wahr? Hast Du sofort eine akustische Assoziation, wenn Du Gammastrahlung siehst?

Ja, das fällt mir leicht. Das liegt auch daran, dass ich mich in meinen Arbeiten viel damit beschäftigt habe. Also wenn ich zum Beispiel Gammastrahlung sehe, hat die für mich automatisch auch einen Sound. Ich habe eine ganz klare Vorstellung davon, wie etwas klingt. Aber verbal kann ich das gar nicht ausdrücken.

Probierst Du auch einfach mal herum, wie sich ein Doppelstern anhören könnte?

Also so ein Doppelstern oder ein Schwarzes Loch – da gibt es ungeheuer viele Parallelen zur elektronischen Musik. Ich höre ganz genau: Das ist jetzt hier eine Frequenz, die sich von A nach B bewegt. Oder gewaltige Gravitationskräfte: Die haben sofort eine akustische Entsprechung für mich. Und dann suche ich so lange, bis ich den entsprechenden Sound gefunden oder generiert habe.

Wo und wie suchst Du denn?

Ich habe zum Beispiel ein Archiv mit Soundphänomenen und eine ganze Menge Synthesizer, bei denen ich ungefähr weiß, was die alles können. Mit bestimmten Synthesizern kann ich Partikel generieren. Und wenn ich die nicht finde, dann probiere ich eben Hunderte von Sachen durch, bis ich’s habe.

Und wie lange dauert dieser Prozess? Also vom ersten Sehen der Animation bis zur fertigen Vertonung?

Ungefähr eine Woche. Im ersten Schritt suche ich chronologisch zur Timeline des Videos nur die Sounds zum jeweiligen Event. Das mache ich konsequent bis zum Ende.

Es gibt in dem Video einen etwas empfindlichen Ton, der schmerzt. Was war da los?

Dieser hohe Ton steht für diese gigantischen magnetischen Felder, die da wirken. Diese Energie, die da wütet – für uns gar nicht vorstellbar! Mir schien es passend, die gewaltigen Energiemassen mit diesem hohen Ton darzustellen. Das ist ja nicht nur ein hoher Ton. Das sind ja acht hohe Frequenzen, wenn man es genau nimmt.

Wenn Du solche wissenschaftlichen Phänomene hörbar machst, gibt es da auch schon mal kritische Kommentare wie: ‚Ne, ne, so ein Schwarzes Loch muss dumpfer klingen?‘

Ja, weil: Letztlich ist es ja doch eine sehr individuelle Auffassung, eine künstlerische Interpretation, da es keine echten Entsprechungen gibt. Aber als ich jetzt in diesem Fall die erste vertonte Variante abgeliefert habe, waren wir alle ganz zufrieden. Das hätte auch anders sein können.

Aus Sicht des Künstlers: Was macht es mit dem Betrachter, wenn eine solche interstellare Animation auch noch vertont ist?

Für uns gehört es automatisch dazu, dass diese Art Bilder auch einen Sound haben. Als ich das Video ohne Sound gesehen habe, fühlte es sich ganz schön leer an. Da musste ich erst einmal Raum schaffen, in dem ich arbeiten konnte. Weltraum begreife ich dann auch als eine Art akustischen Raum. Diese kaum vorstellbaren Dimensionen. Die muss man erst einmal versuchen zu begreifen. In diesen Momenten baue ich einen Klangraum auf, wo ich das Gefühl habe: Ja, so klingt Weltraum. Es gibt aber auch viele Referenzen, eine ganze Reihe von Filmen, bei denen diese eigenartige Verbindung von Sound und Weltraum besteht. „Gravity“ oder „2001“. Eine große Inspiration jetzt war vielleicht „Solaris“ von Andrei Tarkowski. Diese Filme prägen einen natürlich auch.

Ist Wissenschaft Kunst?

Für mich haben wissenschaftliche Forschung und kreative Kunst ungeheure Parallelen: Man kann nur etwas finden, was man sich auch vorstellen kann – oder wenn man weiß, dass man es finden kann.
Kreative müssen auch erst einmal eine Vorstellung dafür entwickeln, wo sie mit ihrer Arbeit hinwollen. Wissenschaftliche Arbeit ist also eine Kreativarbeit – damit will ich aber im Umkehrschluss nicht sagen, dass Künstler Wissenschaftler sind. Es gibt so ein eigenartiges Phänomen in der Wissenschaft, dass Fakten auch Interpretationsmöglichkeiten zulassen – das wird dann zum kreativen Prozess.

Würdest Du noch einmal den Sound zu einer DESY-Animation machen?

Ja, jederzeit! Mir gefällt besonders gut, dass es kein Film-Soundtrack ist, sondern einen echten Bezug zur Realität hat. Wissenschaft und wissenschaftliche Forschung finde ich extrem wichtig. Wenn Künstler mithelfen können, das zu transportieren und auch zu kommunizieren, woran Wissenschaftler zum Teil hoch spezialisiert und für Laien schwer verständlich arbeiten, dann helfe ich gerne. Mir macht es ungeheuer viel Spaß – und mir fällt es in gewisser Weise auch sehr leicht.

Interview: Christina Mänz

Zur Person:

Carsten Nicolai aka Alva Noto. Foto: Andrey Bold
Carsten Nicolai beschäftigt sich intensiv mit dem Übergangsbereich zwischen Musik, Kunst und Wissenschaft. Er macht wissenschaftliche Phänomene wie Sound- und Licht-Frequenzen hör- und sichtbar. Nicolai, der 1965 in Karl-Marx-Stadt geboren wurde, ist ein weltweit gefragter Künstler: Seine Werke, die als minimalistisch ästhetisch beschrieben werden, wurden bereits bei der Documenta in Kassel und der Biennale in Venedig ausgestellt.

Als Musiker benutzt er das Pseudonym Alva Noto und trat unter anderem im Guggenheim Museum in New York, im Pariser Centre Pompidou und der Londoner Tate Modern auf. Zusammen mit Ryuichi Sakamoto komponierte er den Soundtrack zum Oscar-prämierten Film „The Revenant“ und erhielt dafür eine Golden Globe- und Bafta-Nominierung. Nicolai hat eine Professur für Kunst mit dem Schwerpunkt digitale und zeitbasierte Medien an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Er lebt und arbeitet in Berlin und Chemnitz.


Weitere Infos: www.carstennicolai.de